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Berlin,24.01.2008

 Interview mit Oleksandr Yarmola (HAYDAMAKY) für rockradio.de und keletizene.de

Frage: Stellst Du Dich und die Band bitte den Hörern von rockradio.de und den Lesern von keletizene.de kurz vor...

Oleksandr: Ich bin Oleksandr Yarmola, Sänger des intellectual-ethnic-systems HAYDAMAKY aus der Ukraine.
Unsere Anfangszeit war ziemlich schwierig und auf gewisse Weise auch chaotisch. Wenn du jung und kreativ bist, probierst du erst einmal alles mögliche aus und findest deinen Fokus erst später. Du mußt lernen zu wissen, was du eigentlich willst, was du dir gestattest und was nicht und dich dann selbst kontrollieren und notfalls auch korrigieren, so lernst du dann nach und nach professioneller zu arbeiten. Das ist die übliche Entwicklung beim Künstler, anders geht es ja auch nicht. Es ist und bleibt immer deine eigene Entscheidung, wohin die Kreativität sich wendet, wie du sie zum Ausdruck bringst. Irgendwann aber kommt der Zeitpunkt, da mußt du Geld verdienen um deine Familie zu ernähren. Entweder gelingt dir das mit deiner Kunst und du wirst professioneller und kannst Musiker bleiben oder du mußt dir einen anderen Job suchen - nun, wie du siehst, bin ich Musiker geblieben.

Frage: Ihr habt im Dezember 2004 aktiv die ´´Orangene Revolution´´  in Kiew unterstützt. Welche Erinnerungen hast Du an diese Zeit?

Oleksandr: Es war ein phantastisches Gefühl in der ersten Zeit, in der so viele Ukrainier sich zusammenfanden und ihre Meinung öffentlich bekundeten, es war eine Idee und eine Antwort, getragen von Hunderttausenden, eine positive Veränderung für die gesamte Ukraine. Die ersten Tage waren eine unglaublich phantastische Erfahrung, vierhunderttausend Menschen harrten mit ihren Forderungen auf dem zentralen Platz in Kiew Tag und Nacht aus und gaben nicht auf. Eine große Zeit der Hoffnung auf Demokratie und Gerechtigkeit, die Menschen hatten genug von der Oligarchie und deren Repräsentanten und wußten, dass man zusammen einige Veränderungen durchsetzten könne.
Ein brillanter Anfang, der sich später leider im politischen Alltagsgeschäft verlor und für uns jetzt natürlich eine große Enttäuschung ist.
Ich denke, wir müssen das noch mal machen. Bei der jetzigen Regierung stimmen Anspruch und Realität nicht mehr überein, es ist nicht mehr viel übrig geblieben von damals und das kann ich nicht verstehen. Da waren so viele Leute mit all ihren Hoffnungen...viele haben sich angewidert abgewendet von denen, die sie damals gewählt haben.

Frage: Meinst du, es sei an der Zeit für eine zweite Revolution?

Oleksandr: Ich denke nicht, dass es eine weitere Revolution geben wird. Ich denke, der gute Gott sollte ihnen eine Pause zur Besinnung schenken...

Frage: Wie schätzt Du konkret die aktuelle Situation in der Ukraine, in Kiew, ein, wo siehst Du die wichtigsten Probleme? Geht es den einfachen Leuten besser oder schlechter als zu Kutschma-Zeiten?

Oleksandr: Ich sagte schon, dass ich über die Politiker sehr enttäuscht bin und glaube auch nicht, dass sie noch etwas verändern können oder wollen; und das ist schon mal das entscheidende Kriterium. Den einzigen Weg aus der Krise sehe ich in einer dauerhaften Anbindung an die westliche Demokratie. Da sollten wir uns an Polen, Ungarn, Tschechien, der Slowakei und den baltischen Staaten orientieren und deren Beispiel folgen. Sich Europa anzuschließen ist die einzige Chance. Bleibt es aber so wie es jetzt ist, wird es auf ewig eine Zeit der Verwirrung, der Orientierungslosigkeit bleiben.

Frage: Würdest Du HAYDAMAKY als eine explizit politische Band sehen, oder eher nicht?

Oleksandr: Eher nicht. Ich bezeichne uns lieber als sozial engagierte, intellektuelle Band. Das sage ich auch immer wieder in anderen Interviews: Die meisten Veränderungen kommen durch die Politik, aber ohne jegliche Utopie oder Idee, die dahinter steht. Wir leben in einer Gesellschaftsform, in der die Rollen schon festgeschrieben sind und du selbst mußt deine dir zugedachte Rolle und deren Begrenzungen verändern. Du kannst die Welt nur verändern, wenn du dich selbst entwickelst und veränderst. Darüber Auskunft zu geben ist für uns Künstler natürlich einfacher, können wir doch unsere ´´Botschaften´´ öffentlich artikulieren, immer wieder auf´s Neue an einem anderen Ort, einer anderen Stadt.

Frage: Es heißt, ihr selbst bezeichnet eure Musik als ´´Karpatian Ska´´. Stimmt das - und falls ja- könntest Du uns eine Definition dieser Typisierung geben?

Oleksandr: Der Begriff entstand anlässlich unseres ersten Albums ´´Haydamaky´´, darauf befindet sich auch ein Titel namens ´´Carpathian Ska´´. Wir fragten auch deutsche Promoter - hier braucht man ja immer eine Schublade - unter welcher Kategorie man uns einsortieren sollte und die meinten, dass ´´Karpatian Ska´´ durchaus (zu)treffend ist und eine brandneue, unverbrauchte Bezeichnung noch dazu.  Aber seitdem hat sich viel an unserem Stil geändert, wir spielen vielleicht zwanzig Prozent Ska, vielleicht noch weniger. Wir lieben die Musik aus den Karpaten, aber die ist wesentlich vielfältiger als dass man das auf diesen einen Begriff reduzieren könnte. Aber wir lieben auch die Musik aus der zentralen Ukraine, denn nicht ohne Grund heißt unser neues Album ´Kobzar´´, ist es doch hauptsächlich beeinflußt von traditioneller ukrainischer Musik. Stand bei unserem letztem, auch schon bei Eastblok Music veröffentlichtem Album ´´Ukrainian Calling´´, die Trompete im Mittelpunkt, so ist es nun die Kobzar resp. Bandura. Die Kobzar ist ein altes, traditionelles Musikinstrument der Ukraine und hat überhaupt nichts mit den Karpaten zu tun. Wir haben verstärkt mit einem Bandura-Spieler für dieses Album gearbeitet, einem sehr experimentierfreudigen und offenen Typen, der u. a. die psychedelische Musik der späten Sechziger (The Doors, Janis Joplin) präferiert - für unser ein wahrer Glücksgriff... Die Bandura ist eine Weiterentwicklung der Kobzar, einem einfachen Saiteninstrument, welches man am ehesten zwischen Gitarre und Harfe ansiedeln könnte. Der Unterschied besteht in den spielbaren Tonleitern, bei der Kobzar pentatonisch, bei der Bandura chromatisch. Letztere läßt sich damit auch vielseitiger einsetzen, während die Kobzar eher für einfache und meditative Stücke geeignet ist.

Frage: Welche Spielarten des Rock haben euch hauptsächlich beeinflußt?

Oleksandr: Ich würde nicht mal sagen, dass wir von der Rockmusik beeinflußt sind, zumal es nur sehr wenig gute gibt, wie die gerade erwähnten Doors und Janis Joplin oder Nirvana, eher schon sehe ich Einflüsse bei Dub und Bass ´n´ Drum, bei allem, was irgendwie groovt, auch etwas Funk - und Reggae natürlich.

Frage: Wo (und wann) hattet ihr bislang euren größten Erfolg?

Oleksandr: Ich denke, der ´´Größte Erfolg ´´ wird sich niemals einstellen, da kannst du noch so hart daran arbeiten...Aber es gibt schon ein paar großartige Sachen, z. B. unser Auftritte während der Orangenen Revolution oder beim polnischen Woodstock, wo wir vor über 300.000 Leuten spielten, aber auch ´´normale´´ Konzerte in ganz kleinen Klubs können etwas ganz besonderes sein.

Frage: Wie sehen eure Pläne für die nähere Zukunft aus?

Oleksandr: Jetzt steht erst einmal das record release in der Ukraine, in Polen und Deutschland (01.02) an, dem eine kleine Tour, beginnend am 15. Februar in Wien, folgt, mit Stationen in Polen, der Schweiz, Deutschland, Belgien, Dänemark und Schweden. Danach geht es natürlich in der Ukraine weiter.

Frage: Kannst Du einen Unterschied in den Reaktionen seitens des Publikums bei euch zu Hause und in den einzelnen anderen Ländern ausmachen?

Oleksandr: Nein, jedenfalls nicht  zwischen deutschem und schweizerischem Publikum. Zu Hause in der Ukraine versteht man natürlich unsere Texte - und somit unsere Message, die uns schon wichtig ist - wesentlich besser. In Polen versteht man uns auch relativ gut, da gibt es ohnehin einen regen kulturellen Austausch. Wir möchten aber schon, dass unsere Texte allen Leuten, die es interessiert, verständlich sind, deshalb sind wir mit der Idee schwanger, bei unserer nächsten Veröffentlichung eine Art inhaltlichen Extrakt per englischsprachigem Chorus in die einzelnen Titel einzubauen - aber das wird sehr schwierig werden, haben wir doch einen bestimmten Code, den die Leute ja erstmal verstehen müssen. Verständigung ist uns schon deshalb wichtig, weil es doch mitunter vorkommt, dass wir und andere osteuropäische Folkbands mitunter auf die Dreifaltigkeit Wodka-Polka-Party reduziert werden - das ist uns nun wieder etwas zu einfältig...Es gibt viele wichtige Dinge in der osteuropäischen und ukrainischen, polnischen und belorussischen und der Kultur des Balkan, die wir gern vermitteln möchten - wesentlich mehr als das Klischee vom Wodka trinken im Unza Unza -Rhythmus oder der Bier & Balalaika-Seligkeit...

Frage: Welche anderen ukrainischen Bands sollten wir kennen?

Oleksandr: Na, nicht nur ukrainische Bands wie z.B. Perkalaba, sondern auch eine Vielzahl anderer osteuropäischer Bands wie die aus Moldawien stammenden Zdob Si Zdub, oder Vavamuffin aus der großen und interessanten polnischen Szene.

Frage: Gibt es vielleicht deutsche Bands, die Du kennst und eventuell sogar auch gern hörst...Rrrrammstein?

Oleksandr: Rrrrammstein kennt jeder...Nein, eigentlich nicht, leider konnte ich bis jetzt noch nichts entdecken, was mich wirklich interessieren könnte, da bevorzuge ich dann eher spanische Gruppen wie Ojos de Brujo...

Frage: Kannst Du Dich noch an Deine erste selbstgekaufte Platte erinnern?

Oleksandr: die erste richtige Platte, das müsste Led Zeppelin gewesen sein... die allererste war aber Boney M. - da war ich gerade mal fünfzehn Jahre alt...
Zur Zeit schaue ich mich viel im Internet um, z.B. bei youtube, da gibt es immer wieder musikalisch Neues zu entdecken und dabei kommst Du vom Stöckchen auf´s Hölzchen. Du findest Balkan Beat Box und siehst - aha - ein neues Solo-Projekt von Tomer Yosef...

Frage: Welches sind deine musikalischen Idole oder gar Ikonen?

Oleksandr: Da gibt es nicht all zu viele. Ich respektiere einige herausragende Persönlichkeiten wie Bob Marley, Kurt Cobain, Leute also, die eine klare Botschaft hatten, die sich selbst treu blieben und in diesem ´´Business´´ sich nicht korrumpieren ließen...

Frage: Was wäre für Dich auf einer einsamen Insel unverzichtbar?

Oleksandr: Zunächst einmal müßte das schon eine sehr große und freie Insel sein, damit man allerlei anpflanzen kann - also keinesfalls dem nördlichen Klima ausgesetzt. Dazu natürlich ein gutes Messer und ein paar Spiele, sicher meine Gitarre und nicht zuletzt (m)eine liebe Frau, mit der ich Kinder zeugen kann...

Frage: Verrätst Du uns zum Schluß noch Deine Lebensmaxime?

Oleksandr: Versuch, dein eigenes Ding zu machen, sei frei und kreativ, verdiene damit dein Geld und mach ´nur das, was du auch wirklich willst!

upsss